17.10.2018

Nürnberger Stadtanzeiger

Von Schoßhunden und Menschenfressern

In seiner über 30-jährigen Erfahrung mit Hunden hat Marcel Combé viele skurrile Geschichten erlebt. Der 52-jährige Hundetrainer, der lange Zeit ehrenamtlich als Tierschutzinspektor für das Nürnberger Tierheim tätig war, hat daraus ein Buch gemacht, das er auf der Heimtiermesse im Rahmen der Consumenta vorstellt. Der Nürnberger im Gespräch über Problemhunde, Kindererziehung und Vegetarier.

Herr Combé, „Von Schoßhunden und Menschenfressern“ heißt Ihr Buch. Was verbirgt sich dahinter?

Marcel Combé: Der Titel zeigt die Bandbreite auf von allem, was so im Tierheim landet. Vom gehätschelten und niedlichen Schoßhündchen, wo das Frauchen ins Altersheim musste, bis zum Menschenfresser.

Sie spielen auf die kleine Promenadenmischung namens Sunny an? Das entsprechende Kapitel ist mit „Frei ab 18“ gekennzeichnet.

Combé: Genau. Das ist natürlich augenzwinkernd gemeint. Aber die Geschichte, die sich im Süden Nürnbergs abgespielt hat, zeigt, dass auch kleine Hunde einen ausgeprägten Selbsterhaltungstrieb haben. Hintergrund der Geschichte war damals ein Suizid des Herrchens.

Das ist aber die Ausnahme?

Combé: Sicher passiert so etwas selten, aber es kommt vor.

Sie wurden in Nürnberg zu zahlreichen Polizeieinsätzen gerufen. Welcher ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Combé: Viele Tierheimbewohner sind das Resultat von Räumungen, Inobhutnahmen und Messiwohnungen. Ich wurde stets hinzugezogen, wenn sich die Beamten nicht sicher waren, was sie hinter der verschlossenen Tür erwartet. Und dabei denke ich sofort an Max. Sein Frauchen war seit über einer Woche in der Wohnung in der Nürnberger Südstadt nicht mehr gesehen worden. Es stank bestialisch nach Kot und Urin. Letztendlich holte ich einen Rottweiler aus einer total verwahrlosten Wohnung; auf der Suche nach Wasser und Fressen hatte der Hund sie total zerlegt und in seiner Not den eigenen Urin getrunken.

Und wie ging es weiter?

Combé: Max hatte mich sofort ins Herz geschlossen. Immer, wenn ich im Tierheim war, wollte er sofort zu mir. Gegen die Besitzerin, sie war damals mit ihrem Lover einfach mal nach Italien gereist, wurde Anzeige erstattet. Sie wollte ihren Hund nicht mehr, Max kam zu mir. Für sieben Jahre – bis er in meinen Armen starb. Ich liebe alle meine Hunde, aber Max ist mir emotional am meisten ans Herz gewachsen.

Sie schreiben von verhaltensauffälligen und aggressiven Hunden. Was ist das Problem bei diesen Tieren?

Combé: Es ist wie bei den heutigen Kindern: Der Großteil ist einfach falsch erzogen und kennt keine Autorität – wobei ich nicht von Diktatur spreche –, falsches Handeln bleibt ohne Konsequenzen. Bei einem lammfrommen Golden Retriever funktioniert das vielleicht klassisch über positive Verstärkung und Leckerlis. Das ist eine reine Konditionierungskiste. Aber gerade bei Tieren aus dem Ausland, die einiges erlebt haben und sich auf der Straße durchschlagen mussten, klappt das nicht. Hunde sind Rudeltiere. Doch viel zu oft nehmen sie Herrchen und Frauchen lediglich als laufende Futtersäcke und Bespaßer wahr, dabei brauchen sie einen Leithammel.

Ihre Erziehungstipps?

Combé: Ruhe und Souveränität sind das Allerwichtigste bei der Hundeerziehung, um Vertrauen in das Leittier zu schaffen. Nicht Geschrei und Leckerlis. Hunde brauchen Liebe und klare Regeln. Und: Man muss sich bewusst machen, dass es sich dabei nicht um ein in ein Fellkostüm eingenähtes Kind handelt, sondern um ein Meutetier.

Sind Sie Befürworter des Hundeführerscheins?

Combé: Nein, weil man damit nicht die Masse erreicht. Man kann keine 84-Jährige mit ihren beiden Chihuahuas auf einen Hundeübungsplatz schicken. Aber es sollten Schulungen mit theoretischen Unterweisungen zur Pflicht erhoben werden, da bei der Hundeerziehung vieles im Argen liegt.

Sie berichten von (Problem-)Hunden mit null Chance auf Vermittlung. Was passiert mit den Tieren?

Combé: Es dauert oft lange, bis sie im Tierheim vermittelt werden. Einige bleiben dort bis zum bitteren Ende. Letztendlich sind aber nicht die Tiere das Problem, das Problem sind immer die Menschen.

Es geht aber nicht nur um Hunde in Ihrem Buch, etwa auch um Rinder und Hühner.

Combé: Mir war es wichtig, den Irrsinn mit der Nutztierhaltung anzusprechen. Ich möchte die Leute zum Nachdenken anregen und aufzeigen, was für tolle Tiere hinter den Billighähnchen, die man im Discounter für 1,99 Euro kauft, sich verbergen. Es sind intelligente und vor allem fühlende Lebewesen. Ich beobachte immer wieder auf unserem Hof, was die Glucken für eine großartige Brutpflege leisten und wie sie sich um ihre Küken kümmern. Da wird einem einfach warm ums Herz. Und wir schreddern diese Tiere millionenfach.

Deswegen sind Sie auch Vegetarier geworden?

Combé: Ja, vor fünf Jahren. Jetzt bin ich gerade auf dem Weg zum Veganer. Der Auslöser war damals die Anbindehaltung von Rindern auf Bauernhöfen rund um Nürnberg, die ich besucht hatte. Die angeketteten Tiere stehen dort ihr Leben lang auf derselben Stelle. Ihnen wird für die Milchproduktion immer wieder ihr Nachwuchs weggenommen und wenn sie nach ein paar Jahren ausgelutscht sind, keine Milch mehr bringen, dann laufen sie zum ersten Mal wieder. Sie stolpern mangels ausgebildeter Muskulatur schreiend, mit Augen voller Angst zum Hänger, der sie zum Schlachthof bringt. Das war ein Schlüsselmoment. Leider ist das bis heute so, jede vierte Kuh in Deutschland verbringt ihr kurzes Leben in ganzjähriger Anbindehaltung.

Interview: Claudia Beyer


Marcel Combé war über viele Jahre ehrenamtlich in den Tierheimen Nürnberg-Fürth und Feucht tätig und kümmerte sich dort insbesondere um verhaltensauffällige und aggressive Hunde. Als Ausbilder für Diensthunde und Diensthundeführer sowie durch weit über 15.000 Hundekontakte verfügte er bereits zum Zeitpunkt des Artikels über umfangreiche Erfahrung im Umgang mit anspruchsvollen Fällen. Bekannt wurde er zudem durch die VOX-Sendung „Menschen, Tiere und Doktoren“. Seine Arbeit zog Kundinnen und Kunden aus dem gesamten europäischen Raum an – laut Artikel von England bis Italien.

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