Ein Hund hat am Montag in einer Kleinstadt im Odenwald tödlich verletzt. Ein paar Tage zuvor hat ein Staffordshire-Terrier seine beiden Besitzer getötet. Wie gefährlich sind Kampfhunde und warum ticken sie so aus? Die NZ hat darüber mit Marcel Combé gesprochen.
Ein Kampfhund beißt zwei Menschen tot – Tierschützer setzen sich dafür ein, dass das Tier nicht eingeschläfert wird, vorerst darf er leben. Aber: Kann man Hunde wie Chico aus Hannover oder den, der in Bad König ein Kind in den Kopf gebissen hat, überhaupt unter Kontrolle bringen? Die NZ hat mit Marcel Combé darüber gesprochen. Combé ist Hundetrainer und bekommt auch viele Beißer wieder in den Griff. Das Interview startet mit einem Test: Eine Redakteurin, ein Beißarm, ein Polizeihund in Rente, der gar nicht mehr alle Zähne im Maul hat – die Redakteurin hat ganz schön zu kämpfen, so stark schnappt der Hund nach dem Arm in der Schutzhülle.
NZ: Herr Combé, das war ja jetzt schon nicht ohne! Wie würde es sich denn anfühlen, wenn ein großer Kampfhund zubeißt?
Marcel Combé: Ungefähr viermal so stark. Da schießt einem dann das Adrenalin ein und man merkt, dass es um Leben und Tod geht.
NZ: Lässt ein Kampfhund auch mal wieder los?
Combé: Das ist der große Unterschied zwischen Terriern und anderen Hunden. Wenn Terrier nämlich einmal im Feuer stehen, dann sind sie nur schwer abrufbar. Bei kleinen Hunden – Jack Russell Terriern etwa – findet man das noch lustig, das sind halt kleine Choleriker. Bei großen Hunden sieht das schon anders aus. Deshalb werden auch keine Großterrier, die auf der Liste stehen, als Diensthunde verwendet.
NZ: Sollen so gefährliche Hunderassen dann besser verboten werden?
Combé: Diese Hunde sind nicht gefährlich! Das beste Beispiel: Denken Sie an Ihre Jugend zurück. An die Serie „Die kleinen Strolche“. Sechs kleine Kinder und ein Hund. Der wurde von den Kindern angemalt, traktiert, bespaßt – hat mit ihnen alles gemacht. Was haben wir damals gelacht. Aber was war das für ein Hund? Es war ein Pitbull, der Kampfhund schlechthin. Wenn ich heute einen Besuch im Kindergarten mit einem Pitbull ankündigen würde, wie viele Eltern würde ihre Kinder dann eben einem territorialen Hund, einem Schutzhund, und damit gehört er in gute und erfahrene Hände.
NZ: Offiziell ist er ungefährlich, trotzdem haben viele Angst vor dem Schäferhund …
Combé: Der Schäferhundverein ist einer der größten Vereine – und die Vereinsmeierei hat diese Rasse kaputt gemacht. Lange Zeit wurde nach Schönheit und Rassenstandards gezüchtet, nicht mehr nach Leistung. Deshalb sind 80 Prozent der Diensthunde auch keine Deutschen Schäferhunde mehr. Der Deutsche Schäferhund ist nicht mehr wesensstark. Aber genau das müssen Diensthunde sein: Wenn es kracht und scheppert, dann müssen sie funktionieren, nicht davonlaufen oder beißen.
NZ: Wie soll man reagieren, wenn man von einem Hund angefallen wird?
Combé: Auf keinen Fall rennen. Wer rennt, gilt als Beute. Am besten bleibt man einfach stehen, dreht sich leicht zur Seite und schaut dem Hund nicht in die Augen. So vermeidet man Konfrontationen, und der Hund wird nicht provoziert. Die ganzen Vorfälle mit totgebissenen kleinen Hunden oder Kindern sind doch nur durch Jagdverhalten passiert. Und das wird durch Menschen auch noch gefördert. Zum Beispiel durch quietschende Spielzeuge – die sind nur Beutersatz. Wenn Hunde die schütteln, dann ist das kein Ausdruck von Freude, sie wollen der Beute das Genick brechen. Dann sind die meisten Spielzeuge auch noch elastisch – wie die Haut – und haben Gesichter. Und dann wundert man sich, wenn Hunde auf Kinder losgehen.
NZ: Wie kann es passieren, dass Hunde Menschen totbeißen?
Combé: Im Tierheim haben wir aggressive Hunde immer zuerst untersucht. Funktionieren die Schilddrüsen richtig? Hat er einen Tumor? Funktionieren die Sinnesorgane? Rastet er aus, weil er krank ist? Dann muss man herausfinden, was genau passiert ist. Chihuahuas können sich genauso auf Kinder stürzen. Möglicherweise hat die getötete Frau, die von ihrem Ex schwer verletzt worden ist, bei jedem Geräusch vor der Tür gezuckt. Da wird dann auch der Hund sehr wachsam. So kann es schnell passieren, dass ein Hund die Psyche seines Halters annimmt. Dann ist die Frage: Gab es vielleicht einen Streit, ist jemand gestürzt? Aber trotzdem: Dann zu beißen, bis zwei Menschen tot sind, ist eine harte Nummer.
NZ: Kann man solche Hunde wieder in den Griff bekommen?
Combé: Grundsätzlich kann man alles probieren. Dazu muss man den Auslöser finden, den An-Knopf. Den darf man aber nicht drücken, weil es wohl keinen Aus-Knopf gibt. Der Gutachter muss an diesen Punkt herangehen und den Schlüsselreiz finden. Das ist schwer. Beim Menschen ist das nicht anders: Wenn man einen schlechten Tag hat und einer nimmt einem die Vorfahrt, dann schimpft man. An einem guten Tag reagiert man gelassen. Wie soll man daraus auf den Charakter schließen?
NZ: Sie haben mehr als zehn Jahre lang im Tierheim mitgearbeitet – wurden Beißer dort getötet?
Combé: Wenn eine Euthanasie anstand, wurde eine Expertenkommission gebildet. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob wir einem Tier ein artgerechtes Leben ermöglichen können oder die Gefahr für Mitarbeiter zu groß ist. In Einzelfällen gab es auch Einschläferungen. In über zehn Jahren wurden meines Wissens nach nur zwei Hunde eingeschläfert. Einer hat zwei Pfleger schwer verletzt, ein anderer einen Hund getötet.
NZ: Im Tierheim sitzen derzeit auch Listenhunde und gehen Gassi. Muss man da Ernsteins Angst haben?
Combé: Tiere, die keine Chance auf Vermittlung haben, schieben irgendwann Frust, manche werden dann zu Problemhunden. Und in Ferienzeiten treffen die Hunde auf Jogger, kommen an einem Spielplatz vorbei … Hannover könnte sich wiederholen. Ein Hund braucht soziale Kontakte. Man sollte den guten Hunden unbedingt eine Chance geben.
NZ: Und wie schaut es mit Rottweilern aus? Sind sie so gefährlich, dass ein Wesenstest braucht?
Combé: Für mich ist der Rottweiler der beste Hund der Welt – wenn er gut geführt und gehalten wird. Aber er ist […].
NZ: Wie kann man die Hundehaltung in Deutschland sicherer machen?
Combé: Bei Hunden ab einem gewissen Größe sollte es unabhängig von der Rasse eine Prüfung bei einem Gutachter geben. Der kann dann schauen, ob alles in Ordnung ist oder ob man das Tier in die Hundeschule schicken muss.
